Berufliche Neuorientierung im Mid-Career: Warum Entscheidungen selten rational sind, sondern narrativ geprägt werden

Berufliche Entscheidungen wirken auf den ersten Blick rational.
Tatsächlich sind sie häufig narrativ geprägt.

Je länger Menschen im Berufsleben stehen, desto seltener geht es bei beruflicher Veränderung nur um neue Rollen, Aufgaben oder Entwicklungsschritte. Häufig geht es um etwas Grundsätzlicheres:

Passt die nächste Entscheidung noch zu der Geschichte, die Menschen über sich selbst erzählen?

Identität als theoretischer Kern

Die Identitätsforschung liefert hierfür eine klare theoretische Grundlage.

Dan P. McAdams beschreibt Identität nicht als stabile Eigenschaft, sondern als „internalized and evolving life story“ – eine sich entwickelnde Lebensgeschichte, durch die Menschen ihrem Leben Kohärenz und Bedeutung geben.

Karriere als Deutungssystem

Karrieren bestehen damit nicht nur aus Positionen oder Kompetenzen, sondern aus Deutungen:

  • Welche Erfahrungen gelten als Erfolg?

  • Welche Brüche gelten als Scheitern?

  • Welche Veränderungen erscheinen noch als „passend“ zur eigenen Biografie?

Mid-Career als Stabilitätsphase

Gerade im Mid-Career zeigt sich eine besondere Dynamik:

Mit zunehmender Erfahrung entsteht nicht nur Expertise, sondern auch narrative Stabilität. Menschen entwickeln ein konsistentes Selbstbild darüber, wer sie sind und wofür sie stehen.

Diese Stabilität ist funktional – sie reduziert Komplexität.

Gleichzeitig führt sie dazu, dass neue Optionen stärker im Licht der bisherigen Identität bewertet werden.

Karriereforschung: nicht-lineare Entwicklung

Die klassische Vorstellung linearer Karrieren wird zunehmend durch Forschung relativiert.

Konzepte wie die „boundaryless career“ oder die „protean career“ (Michael B. Arthur und Douglas T. Hall) beschreiben Karrieren als:

  • nicht-linear

  • selbstgesteuert

  • geprägt von Übergängen und Anpassungen

Narrative Identität als Prozess

Forschung zur narrativen Identität zeigt:

Berufliche Übergänge lösen häufig Phasen biografischer Rekonstruktion aus.
Bestehende Selbstbeschreibungen verlieren an Erklärungskraft, neue Narrative sind zunächst instabil.

Sensemaking und Bedeutungsbildung

Karl E. Weick zeigt ergänzend im Konzept des Sensemaking:

Menschen handeln in komplexen Situationen nicht auf Basis vollständiger Klarheit.
Sie erzeugen Bedeutung häufig erst rückblickend durch Interpretation.

Konsequenz für Entscheidungen

Damit wird verständlich:

Berufliche Entscheidungen sind selten reine Optimierungsprobleme.

Sie sind gleichzeitig:

  • Identitätsarbeit

  • Sinnkonstruktion

  • und Kohärenzherstellung

Systemische Perspektive

Aus systemischer Sicht entsteht ein weiterer zentraler Punkt:

Berufliche Narrative sind nie isoliert individuell konstruiert.
Sie entstehen im Zusammenspiel von:

  • Organisationen

  • Rollenbildern

  • sozialen Erwartungen

  • und beruflichen Kontexten

Rolle systemischen Coachings

Genau hier setzt systemisches Coaching an:

Nicht mit der Frage, welche Option objektiv „richtig“ ist.
Sondern mit der Frage, welche Narrative Entscheidungen strukturieren – und wie diese sichtbar und veränderbar werden.

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Die ersten 100 Tage in einer neuen Führungsrolle